Whitepaper zum NIS2 Gesetz

TikTok muss Nutzer über Datenübermittlungen nach China informieren: Ein Wendepunkt für den digitalen Datenschutz

Das Wichtigste auf einen Blick
- Transparenzpflicht: TikTok ist nach der DSGVO verpflichtet, europäische Nutzer:innen präzise über Datenflüsse in Drittstaaten (insbesondere China) aufzuklären.
- Rechtliches Risiko: China verfügt aus Sicht der EU nicht über ein angemessenes Datenschutzniveau, was besondere Schutzmaßnahmen (Standardvertragsklauseln) und Informationspflichten erfordert.
- Nutzer-Autonomie: Die neuen Anforderungen stärken die Souveränität der Verbraucher:innen und ermöglichen eine informierte Einwilligung.
- Wirtschaftlicher Druck: Für TikTok und Werbetreibende entstehen durch den regulatorischen Fokus neue Hürden im Bereich Targeting und Datenverarbeitung.
- Geopolitische Dimension: Der Fall TikTok ist ein Präzedenzfall für die europäische Datensouveränität im Konflikt mit globalen Tech-Infrastrukturen.
Warum das Thema gerade jetzt wichtig ist
Datenschutz ist im Jahr 2026 längst kein reines Thema für Jurist:innen oder Datenschutzbeauftragten mehr; er ist zu einem zentralen Pfeiler der digitalen Weltwirtschaft und des gesellschaftlichen Vertrauens geworden. In den letzten Jahren hat sich der Fokus der europäischen Regulierungsbehörden massiv verschärft. TikTok, die wohl erfolgreichste Social-Media-Plattform der jüngeren Zeit, steht dabei im Epizentrum einer Debatte, die weit über bloße App-Nutzung hinausgeht.
Es geht um die Frage: Wer hat Zugriff auf die Verhaltensmuster, Vorlieben und biometrischen Daten von Millionen junger Europäer:innen? Die Forderung der Datenschutzbehörden, dass TikTok offenlegen muss, wann und warum Daten nach China fließen, markiert einen Wendepunkt. Für Nutzer:innen stellt sich die Frage der Privatsphäre, während Unternehmen vor der Herausforderung stehen, ihre Marketingstrategien mit den strengen Anforderungen der DSGVO in Einklang zu bringen.
Inhaltsverzeichnis:
Warum TikTok-Nutzer über Datenübermittlung nach China informieren muss
Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) basiert auf dem Grundsatz der Transparenz. Artikel 13 und 14 schreiben vor, dass jede Person das Recht hat, zu erfahren, wer ihre Daten verarbeitet und wohin diese fließen. Wenn ein Unternehmen wie TikTok (betrieben durch ByteDance) Daten aus dem europäischen Wirtschaftsraum (EWR) exportiert, greifen verschärfte Regeln.
China gilt im Sinne der DSGVO als "unsicheres Drittland". Im Gegensatz zu Ländern wie Kanada oder Japan gibt es für China keinen Angemessenheitsbeschluss der EU-Kommission. Das bedeutet: Das Schutzniveau für personenbezogene Daten ist dort nicht mit dem europäischen Standard vergleichbar. Behörden verlangen daher, dass Nutzer:innen explizit darauf hingewiesen werden. Nur so können sie entscheiden, ob sie das Risiko eines potenziellen staatlichen Zugriffs in China eingehen wollen oder nicht.
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Welche Daten werden nach China übermittelt – und warum ist das kritisch?
TikTok sammelt eine enorme Menge an Informationen, um den berüchtigten "For You"-Algorithmus zu füttern. Zu den übermittelten Daten gehören:
- Interaktionsdaten: Welche Videos schaust du wie lange? Was überspringst du?
- Biometrische Merkmale: In einigen Regionen werden Gesichts- und Stimmdaten für Filter und Effekte analysiert.
- Geräteinformationen: IP-Adresse, Betriebssystem, installierte Apps und Tastaturanschlagmuster.
- Standortdaten: Sowohl grobe GPS-Daten als auch Informationen aus WLAN-Netzwerken.
Das Risiko: In China sind Unternehmen gesetzlich verpflichtet, mit den Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten (Nationales Sicherheitsgesetz von 2017). Kritiker:innen befürchten, dass europäische Nutzerprofile für Spionage, Einflussnahme oder Social Engineering genutzt werden könnten. Selbst wenn die Daten "nur" zu Wartungszwecken von chinesischen Ingenieur:innen eingesehen werden, stellt dies rechtlich eine Übermittlung dar.
Rechtliche Grundlagen: DSGVO, Schrems II und die Drittstaatenproblematik
Der rechtliche Rahmen für Datentransfers wurde durch das wegweisende "Schrems II"-Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) massiv beeinflusst. Das Urteil stellte klar, dass der Schutz der Daten den Daten folgen muss. Wenn ein Unternehmen Daten in ein Drittland schickt, muss es garantieren, dass dort ein "wesentlich gleichwertiger Schutz" herrscht.
Da China diesen Schutz nicht per Gesetz garantiert, muss TikTok auf Standardvertragsklauseln (SCCs) zurückgreifen. Diese allein reichen jedoch oft nicht aus. Es müssen zusätzliche technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs) getroffen werden – etwa eine starke Verschlüsselung, auf die selbst der Anbieter im Drittland keinen Zugriff hat. Die Informationspflicht ist hierbei das unterste Fundament: Ohne das Wissen der Nutzer:innen über den Transfer ist jede weitere Verarbeitung rechtswidrig.
Das "Project Clover": TikToks Antwort auf europäische Sorgen
Um dem regulatorischen Druck zu begegnen, hat TikTok das "Project Clover" ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Sicherheitsstrategie, die speziell für Europa entwickelt wurde:
- Lokale Datenspeicherung: TikTok investiert Milliarden in Rechenzentren in Irland und Norwegen, um Daten europäischer Nutzer lokal zu speichern.
- Prüfung durch Drittanbieter: Eine externe europäische Sicherheitsfirma soll die Datenflüsse überwachen und sicherstellen, dass kein unbefugter Zugriff aus China erfolgt.
- Datenminimierung: Der Zugriff von Mitarbeitenden außerhalb Europas soll auf ein absolutes Minimum beschränkt werden.
Trotz dieser Maßnahmen bleibt die Pflicht zur Information bestehen, solange technische Schnittstellen oder Support-Strukturen nach China existieren.
Welche Vorteile Nutzer:innen durch mehr Transparenz haben
Transparenz ist das Gegengift zur Ohnmacht der Verbraucher:innen. Wenn TikTok klar kommunizieren muss, profitieren Nutzer:innen auf mehreren Ebenen:
- Informierte Einwilligung: Du entscheidest nicht mehr basierend auf einem vagen Gefühl, sondern auf Fakten.
- Auskunftsrecht (Art. 15 DSGVO): Du kannst detailliert erfragen, welche spezifischen Datenbestandteile in China gelandet sind.
- Recht auf Löschung: Wer mit den Transferbedingungen nicht einverstanden ist, kann die Löschung seines Kontos und der damit verbundenen Daten verlangen.
- Bewusstseinsschärfung: Die Debatte fördert die digitale Medienkompetenz. Nutzer:innen lernen, den "Preis" kostenloser Apps kritisch zu hinterfragen.
Folgen für TikTok und den europäischen Werbemarkt
TikTok ist eine Geldmaschine, die primär von personalisierter Werbung lebt. Jede Einschränkung des Datenflusses hat direkte wirtschaftliche Konsequenzen:
- Targeting-Präzision: Wenn Datenflüsse eingeschränkt oder strenger kontrolliert werden, könnte die Effizienz der Werbe-Algorithmen sinken. Werbetreibende könnten höhere Streuverluste erleiden.
- Compliance-Kosten: Unternehmen, die TikTok für Marketing nutzen, müssen ihre eigenen Datenschutzerklärungen anpassen und prüfen, ob sie durch das Einbinden von TikTok-Pixeln auf ihren Websites mitverantwortlich für rechtswidrige Datentransfers sind.
- Markenimage: Große Brands sind vorsichtiger geworden. Ein Datenschutzskandal bei TikTok strahlt auf die Unternehmen ab, die dort werben. "Brand Safety" umfasst heute auch die rechtliche Sicherheit der Nutzerdaten.
Datenschutzbehörden, Politik und Datensouveränität
Der TikTok-Fall ist eng verknüpft mit dem Streben der EU nach digitaler Souveränität. Gesetze wie der Digital Services Act (DSA) und der Digital Markets Act (DMA) zielen darauf ab, die Macht der großen Tech-Konzerne zu begrenzen und europäische Standards weltweit durchzusetzen.
Datenschutzbehörden (wie die irische DPC oder der deutsche Bundesbeauftragte für den Datenschutz) agieren hier zunehmend als politische Akteure. Sie fordern nicht nur Transparenz, sondern stellen das Geschäftsmodell der Datenmonopolisten grundsätzlich infrage. Die Botschaft an globale Konzerne ist klar: Wer am europäischen Markt teilhaben will, muss nach europäischen Regeln spielen – unabhängig davon, wo der Hauptsitz liegt.
So reagierst du jetzt richtig
Für Nutzer:innen:
- Datenschutzeinstellungen prüfen: Gehe in der App zu "Einstellungen und Datenschutz" -> "Datenschutz". Deaktiviere ggf. die "Personalisierte Werbung".
- Berechtigungen minimieren: Entziehe der App den Zugriff auf Kontakte oder den genauen Standort, wenn dies nicht zwingend erforderlich ist.
- Drittanbieter-Logins vermeiden: Nutze nicht deinen Facebook- oder Google-Account zum Login, um das Cross-Platform-Tracking zu erschweren.
- Auskunft verlangen: Sende eine Anfrage nach Art. 15 DSGVO an TikTok, um zu erfahren, welche Daten über dich gespeichert sind.
Für Unternehmen & Marketer:
- Audit der Datenflüsse: Prüft, wo TikTok-Pixel oder SDKs in euren eigenen digitalen Produkten eingesetzt werden.
- Datenschutzerklärung aktualisieren: Informiert eure Kunden explizit über die Nutzung von TikTok-Tools und die damit verbundenen Risiken des Drittstaaten Transfers.
- Alternativen prüfen: Evaluiere Werbekanäle, die weniger datenschutzrechtliche Risiken bergen, um die Abhängigkeit zu reduzieren.
- Rechtliche Beratung: Lass eure Social-Media-Strategie im Hinblick auf die neuesten Urteile zum Datentransfer prüfen.
Fazit: Transparenz schafft Orientierung – aber auch Verantwortung
Die neue Informationspflicht für TikTok ist ein Sieg für den europäischen Verbraucherschutz. Sie zwingt eines der verschlossensten Unternehmen der Welt zu mehr Offenheit. Doch Transparenz allein löst das Problem nicht – sie ist lediglich das Werkzeug, das es uns ermöglicht, Verantwortung zu übernehmen.
Für Unternehmen bedeutet diese Entwicklung, dass "Privacy by Design" kein Marketing-Schlagwort mehr sein darf, sondern über die Zukunftsfähigkeit entscheidet. Wer heute in datenschutzkonforme Prozesse investiert, baut das Vertrauen auf, dass morgen die wichtigste Währung im Wettbewerb sein wird.
FAQ: Datenübermittlung und Datenschutz bei TikTok
Warum ist China als Datenziel so problematisch?
Es fehlt an unabhängiger richterlicher Kontrolle über staatliche Überwachungsmaßnahmen. Europäische Bürger:innen haben in China kaum rechtliche Handhabe, wenn ihre Daten missbraucht werden.
Gilt die Informationspflicht nur für neue Nutzer:innen?
Nein, sie gilt für alle. Bestandskunden müssen über Updates der Datenschutzrichtlinien proaktiv informiert werden, meist durch In-App-Benachrichtigungen oder E-Mails.
Kann ich die Datenübermittlung nach China komplett untersagen?
Als Einzelnutzer:in ist das schwierig, da bestimmte technische Prozesse bei TikTok global vernetzt sind. Wenn du den Bedingungen widersprichst, bleibt oft nur die Löschung des Accounts.
Was passiert, wenn TikTok die Auflagen nicht erfüllt?
Es drohen Bußgelder von bis zu 4 % des weltweiten Jahresumsatzes. Zudem könnten Behörden im Extremfall einen Stopp der Datenübermittlung anordnen, was einem faktischen Verbot der App in der EU gleichkäme.
Sind andere Apps wie Instagram oder WhatsApp sicherer?
Auch US-Unternehmen stehen wegen des Cloud Acts in der Kritik. Der Unterschied ist jedoch, dass zwischen der EU und den USA mit dem "Data Privacy Framework" ein (wenn auch umstrittenes) Abkommen besteht, das für China völlig fehlt.
Wichtiger Hinweis: Der Inhalt dieses Artikels dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Rechtsberatung dar. Die hier bereitgestellten Informationen können eine individuelle Rechtsberatung durch (je nach Anwendungsfall) einen Datenschutzbeauftragten oder Rechtsanwalt nicht ersetzen. Wir übernehmen keine Gewähr für die Aktualität, Vollständigkeit und Richtigkeit der bereitgestellten Informationen. Jegliche Handlungen, die auf Grundlage der in diesem Artikel enthaltenen Informationen vorgenommen werden, erfolgen auf eigenes Risiko. Wir empfehlen, bei rechtlichen Fragen oder Problemen stets (je nach Anwendungsfall) einen Datenschutzbeauftragten oder Rechtsanwalt zu konsultieren.



